Virtual Klezmer

von der Khupe zum KlezKamp
Vorwort

Vorwort

(von Henry Sapoznik)

Das kleine Buch, das Sie gerade in den Händen halten, ist ein Thriller. Wie alle guten Thriller beinhaltet es schillernde Charaktere, exotische Orte und aufregende, bisweilen dramatische Szenen, die sich vor einer Kulisse von Kriegen, Vertreibungen, Revolutionen und Pogromen abspielen. Sein Rahmen erstreckt sich über tausend Jahre und fast zehnmal soviel Meilen. Es ist die fast unglaubliche Geschichte eines bedeutsamen Teils einer reichen Zivilisation, die vernachlässigt und am Rande des Verschwindens von einer Gruppe junger Enthusiasten, die sich von ihrer Musik einfangen ließen, aus dem selbst auferlegten gesellschaftlichen Vergessen wiedererweckt wurde. Es ist die Geschichte einer faszinierenden und lebensfrohen Kultur und ihrer beispiellosen und unerwarteten Wiederauferstehung.

Es ist die Geschichte der Klezmer-Musik, des musikalischen Soundtracks der jiddischen Menschen und ihrer Kultur, die vor fast tausend Jahren an den Ufern des Rheins erwachte. Der größte Teil ihrer Musik hat sich in den Wirren der Zeit verloren, aber das Wenige, was überliefert werden konnte, erstaunt den modernen Zuhörer durch sein tiefes Verständnis von Zeit und Ort und den ungeahnten Vorgriff auf postmoderne Sehnsucht.

Eine so umfassende Arbeit wie die vorliegende, kann nur in den Händen eines Historikers gelingen, der die Wege, die diese Musik, ihre Geschichte und ihre Hauptfiguren genommen haben, klar kennzeichnet. Oder es bedarf eines Kulturkritikers, der dieses einzigartige Phänomen sowohl in seinem zeitgenössischen als auch geschichtlich sozialen Kontext interpretiert. Die Funktion all dieser Studien sollte schließlich in der Wertschätzung der Menschen???? liegen, die diese Musik geschaffen haben und in der Würdigung der Kultur, von der sie abstammt, ohne dabei in nostalgisch-romantische Klischees zu verfallen. Keine einfache Aufgabe, aber ich bin froh Ihnen mitteilen zu können, daß Susan Bauer, der Autorin des vorliegenden Buches, genau das gelungen ist.

Was qualifiziert Susan Bauer dazu, Sie durch eine Welt jahrhundertealter Melodien und zu denjenigen Musikern, die sie wieder in die Gegenwart geholt haben, zu führen? Susan Bauer kam eigentlich eher zufällig zur Klezmer-Musik. Genauso wie der bekannte amerikanische Musikhistoriker und Plattensammler Dick Spottswood ist sie keine Musikerin, aber ebenso wie er verfügt sie beim Hören einer Musik, die noch dazu außerhalb ihres Kulturkreises liegt, über die Sensibilität und den Instinkt eines Musikers. Sie versteht Musiker als Menschen und nicht als Ikonen oder Objekte und hat eine offene und ehrliche Sicht darauf, wer wir waren, wer wir sind und wie wir gesehen werden.

Susan Bauers klare Prosa wird Sie durch die geschichtlichen Windungen der Musik leiten, die ausgehend von den frühesten mittelalterlichen Abbildungen auf Holz bis zu einer Zeit, als die Musik in Wachs geschnitten wurde, führen. Indem sie den Leser mit auf die Reise nimmt, wird das eingeflochtene Drama dieser Geschichte um so eindrucksvoller. Aber Ihre Autorin gibt sich nicht damit zufrieden, zu erzählen was einmal war, vielmehr interpretiert sie auf elegante und klare Weise die gegenwärtige Bedeutung der Musik für die Menschen, die sie heute kreieren und ihren besonderen Stellenwert für die Menge ihrer Anhänger. Indem sie der Musik ganzheitlich begegnet, sie sowohl historisch als auch in ihrer zeitgenössischen Bedeutung sieht, bietet Susan Bauer dem interessierten Leser eine Brücke, die Generationen verbindet.

Was diese Geschichte weiterhin zu einem Thriller macht, sind die vielen unerwarteten ironischen Verknüpfungen der Handlung. Wer hätte gedacht, daß diese Musik einige ihrer größten Fans in dem Land finden würde, das am meisten für ihre beinahe vollständige Auslöschung verantwortlich ist? Aber diese Popularität geht, insbesondere in Deutschland, mit einigen Abstrichen einher. Diejenigen Anhänger der Musik, die im Bestreben, für sie fürsprechend einzutreten, leider oft nur zu müden Stereotypen und wirren Charakterisierungen greifen, vollbringen unbewußt mehr Schaden, als daß sie Gutes tun. Dank der klaren und unvoreingenommenen Schreibweise des vorliegenden Buches, kann das von jetzt ab besser denn je vermieden werden. Susan Bauer überragt all diejenigen  in Deutschland, die bisher den Stift ergriffen haben, um diese Musik und ihr soziales Phänomen zu interpretieren.

Obwohl sie die Geschichte der Klezmer-Musik aufzeigt, läßt Susan Bauer den Aspekt jiddischer Musik in Deutschland beiseite. Dafür hat sie gute Gründe, von denen der überzeugendste ist, daß sie sich auf der Suche nach den Ursprüngen und einer ununterbrochenen Kontinuität die früheste und am wenigsten unterbrochene Linie der Musik ausgesucht hat. Diese konnte sie nur in Amerika finden. Es ist ein trauriger, aber zugleich hoffnungsvoller Kommentar, daß das, was einmal ein Zweig einer vielseitigen und gehaltvollen Tradition war, jetzt zum Stamm selbst wurde, der wiederum zunehmend seine eigenen starken Äste und Zweige auf der ganzen Welt hervorbringt.

Kein Projekt solchen Ausmaßes ist das Werk eines Einzelnen und das vorliegende bildet dabei keine Ausnahme. Als Susan wieder nach New York kam, um die noch losen Enden zusammenzubringen, wurde sie vom Fotografen und Graphiker Jochen Kirch begleitet. Obwohl es dessen erste konkrete Begegnung mit dem Thema war,  sind ihm die vielen einzigartigen Portraits und Stimmungsbilder für dieses Buch gelungen. Kombiniert mit Photos von wichtigen Klezmer-Lokalitäten und Reproduktionen von teilweise bisher unveröffentlichtem historischem Bildmaterial, ergeben sie eine Art kleines Klezmer-Familienphotoalbum.

Eigentlich ist dieses Buch mehr als ein Buch. Die beiliegende CD dient quasi als Partitur, die den Text begleitet. In sich selbst schon ein Medium für die Geschichte, vermittelt sie nicht nur den Reifeprozeß jiddischer Musik vom Ende des letzten bis zum Ende diesen Jahrhunderts, sondern dokumentiert gleichzeitig den Fortschritt in der Aufnahmetechnik, die die Musik für die Gegenwart und Zukunft konserviert hat.

Susan Bauers Anwesenheit ist ein Geschenk. Mit Integrität und eloquentem Verständnis hat sie dieses Forschungsthema verlockender und reizvoller gemacht - für die Musiker wie auch für die Fans.   Als Figur dieses Buches und Kollege Susans fühle ich mich sehr geehrt, darum gebeten worden zu sein, mich an dieser Stelle an Sie, den Leser, wenden zu können. Obwohl wir wissen, wie dieser wunderbare kleine Thriller endet, werden Sie doch fasziniert davon sein, wie die Geschichte ablief.

Henry Sapoznik

zum ersten Kapitel des Buches

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